
Best Fiction
The Theft
Der Gewinner in der Kategorie Spielfilm befasst sich mit einem Thema, das praktisch jede und jeden betroffen macht. Armut und insbesondere Kinderarmut lässt niemanden kalt. Sie ist weltweit so verbreitet, dass sie in bevorteilten Ländern die Einrichtung von Kinderklappen hervorgebracht hat, in weniger entwickelten Ländern bleiben Eltern und Kinder ihrem Schicksal überlassen.
Also „Betroffenheit“ – ein emotionaler Hebel, der immer wieder stark ist, wenn es darum geht, mit einer Geschichte Aufmerksamkeit zu generieren. Folgerichtig erzählt der Film „The Theft“ die Geschichte einer verzweifelten jungen Frau, die nachts mit ihrem neugeborenen Kind – in einem einfachen Korb in Lumpen gehüllt – durch die Gassen schleicht. Nach langem Zögern legt sie es in einem Hauseingang ab, in der Hoffnung, ein gnädiger Gott möge sich erbarmen.
Der Film ist bewusst eher unspektakulär gefilmt, im Spiel der Protagonistin fast übertrieben, denn er lockt uns erfolgreich auf eine falsche Fährte: Wie es der Zufall will, kommt jetzt eine lebenserfahrene, sichtlich gutherzige Mama daher, sieht das kleine Bündel in seinem Korb, greift beherzt zu und geht beherzt ihres Weges.
Immer noch hören wir das herzerweichende Weinen des kleinen Kindes. Als die junge Mutter noch einmal nachschaut, erlebt sie – und wir mit ihr – eine wirklich gelungene Überraschung, und der Film nimmt seine Wendung. „The Theft“ erzählt mit unaufgeregten filmischen Mitteln eine überraschende, lebenskluge Geschichte.

Best Documentary
Sowing the Earth
Regie: R. Fonte Mutt
Within the first 2 minutes of this 9-minute film I was bored, disappointed, then slightly interested and finally fascinated. Sowing the Earth starts with superboring Johann Strauss „Die schöne blaue Donau“ (“The Blue Danube”) – give me a break – and then comes up with some time-lapse takes of growing seed – really? To develop this into the jury's choice for the best documentary of a festival with over 2,000 entries, doing so with a budget of merely $1,000 and with only 7 minutes left – that is a masterpiece.
The director of Sowing the Earth, R. Fonte Mutt, is from Brazil, where climate care and taking care of the rainforest play a very particular role. Fonte Mutt describes his work this way: “Mother Nature gives gifts: she distributes her fruits, her medicine, clean air and all her beauty to those who treat her well.” But human beings just don't treat this mother well, we might add.
Sowing the Earth is a documentary, and it is not. Major parts of this narrative do indeed document the beauty of the power of nature on the one hand and our destroying of planet Earth on the other. But then the film leaves the path of a documentary and pictures a future in which nature regains power over mankind – and makes you feel very good about it. Sowing the Earth ends in a dystopian vision where mankind doesn't play a role on this planet any more – a horror scenario, or the opposite? Up to the audience.

Best Animation
Piano in the Bushes
Regie: Dashka Dementeva
Ich trage hier eine Laudatio von Prof. Simon Frisch vor, die ich mir geringfügig zu ergänzen erlaubt habe.
Der Film „Piano in the Bushes“ ist ein studentisches Projekt von Dashka Dementeva und ein Erstling. Das ist insofern bemerkenswert, als er durch Stringenz in der Form, Sorgfalt im Detail und eine durchgehend feine Poesie in der Erzählung überzeugt. Erfreulich ist auch, dass die Arbeit aus diesem Jahr stammt und nicht seit 15 Jahren durch die Festivals tourt.
Die Bilder sind in Piano in the Bushes als animierte Handzeichnungen gestaltet, deren Linien in allen Bildern leicht pulsieren. So bleibt nicht nur die Gemachtheit des Films immer im Bewusstsein, sondern seine Bildlichkeit und Welt wirkt wie von einer eigenen Atmung belebt.
Eine besondere Poesie erzeugt der Film durch eine Kreuzung von surrealistischen Darstellungen der Körper der Figuren (Menschen und Tiere) mit einer ganz alltäglichen Story. Durch raffinierte Perspektiven auf das Geschehen wird das Geschehen zusätzlich buchstäblich vielfältig aspektiert und auch poetisiert: aus manchem Blickwinkel wird das Alltägliche surreal, aus anderem das Surreale alltäglich.
Im sorgfältig gestalteten Sounddesign werden zudem die Objekte und Bewegungen mit sehr realistischen Geräuschen versehen, die dem Film seine überzeugende und stabile Räumlichkeit und Welthaftigkeit verleihen. Die ständige, latent gegenwärtige Gemachtheit des Films in Verbindung mit seiner atmosphärischen Kraft und Effizienz machen „Piano in the Bushes“ zu einem filmischen Gedicht.
„Es ist ein filmisches Gedicht über die Liebe, das in seinen knapp sieben Minuten die Kraft einiger der schönsten Liebesfilme des Kinos erreicht.“ So Simon Frisch. Ich darf ergänzen „und Spaß macht der Film auch noch“ und erhält deswegen unseren ersten Platz in der Kategorie Animationsfilm.

Best Children's Film
Ana Morphose
Mit poetischen Bildern zieht dieser Stop-Motion-Puppentrickfilm uns vom ersten Augenblick an in seinen Bann.
Ein kleines Mädchen ist in ein wundersames naturmagisches Buch vertieft und landet schließlich selbst in der Fantasiewelt dieses Buches.
Die Animation der Protagonistin besticht durch ihre ungewöhnliche Lebendigkeit und psychologische Stimmigkeit. Mit einfachen Mitteln der Gestik und Mimik gelingt es den Filmemachern, zu vermitteln, was im Innersten der Protagonistin vorgeht, die Empathie der Zuschauer zu wecken und uns im wahrsten Sinne zu berühren.
Dabei bleibt der Film immer auf Augenhöhe seiner Hauptfigur. Mit ihr tauchen wir in eine surrealistisch anmutende, atemberaubende und poetische fantastische Welt ein.
In seinem Einfallsreichtum, seiner Anmutung und seiner kongenialen Umsetzung ist dieser Film ein kleines Meisterwerk, das Kinder ebenso wie erwachsene Zuschauer begeistern kann.

Studentenjury-Preis
Suitcase
Regie: Ako Zandkarimi, Saman Hosseinpuor
Unsere drei Favoriten waren Suitcase (Saman Hosseinpuor, Ako Zandkarimi), Drown The Name (Florencia Silva, Verónica Albornoz, Muriel Sago) und PIG (Jorn Leeuwerink). Als besten Film haben wir Suitcase ausgewählt.
Besonders gefallen hat uns die Ton- und Farbinszenierung. Zusammen mit der Kadrierung und dem Design der Hintergründe bekam der Film einen besonderen visuellen Stil, welcher uns auch durch den Kontrast mit der eher düsteren Handlung sehr im Kopf geblieben ist. Auch das Motiv des Koffers und die damit verbundenen Fragen von Heimat und Zugehörigkeit fanden wir spannend.